Nun aber zum gestrigen Tage von dem ich gerne berichten möchte. Ja, sadistisch veranlagte Zahnärzte hätten ihre reine Freude an dem Spektakel gehabt, das unter dem wohlklingenden Namen "Cabane à sucre" daherkommt. Alle Kanadier wissen natürlich sofort was Sache ist und auch den Deutschen wird bei Übersetzung des Titels (wörtlich sowas wie Zucker-Hütte) klar, was da wohl auf einen zukommt. Es ist die Zeit der Ahornsirup-Ernte in Kanada und da gehört es sich natürlich, dass die internationalen Studenten die kulinarischen Gepflogenheiten ihres Gastlandes erkunden. Das International Students Office bot zu diesem Anlass einen Ausflug ins nicht weit entfernte Mont-St-Grégoire an und die vier Deutschen waren natürlich dabei. Kurz nach 12 Uhr Mittags ging es los, standesgerecht wurde die Elite der Austauschländer in einem orangen Schulbus zum Zielort chauffiert. Auf der Fahrt wurde so manches Schlagloch und auch die Ecke eines Bordsteins mitgenommen, die wohl ein Stückchen zu weit in die Kreuzung hineinragte. Auf der Fahrt bot sich das übliche außerhalb-von-Montreal-Bild: Industrieanlagen, eine ganze Weile nichts, dann ein paar Häuserchen, wieder nichts, ein Berg und dann, circa 50 Minuten später endlich der Zielort. Vor einer etwas größeren Hütte wurde angehalten, alle verabschiedeten sich freundlich von der netten Busfahrerin und dann sammelte sich die internationale Bande erstmal in einem formschönen Klumpen. Die Organisatoren klärten in der Zwischenzeit die Einzelheiten mit den Betreibern, die Busfahrerin machte sich wieder auf den Weg. Plötzlich: Ein Aufschrei. In bestem quebecois-Französisch gab die Dame zu verstehen, dass man hier falsch sei, wir müssten zu einer anderen Hütte! Verlegenes Lächeln bei den Organisatoren. Plötzlich kam auch der Bus zurück und alle mussten wieder einsteigen. Dann: eines meiner Highlights an diesem Tag, das wohl jeden Umweltschützer auf die Yucca-Palme getrieben hätte - wir stiegen also ein, die Busfahrerin lenkt um, wir fahren aus dem Hof raus und dann direkt in die nächste Einfahrt rein. Das wars. Wir sind da. Wie jetzt? Ja, wir waren da und ich bin wirklich froh, dass wir den weiten Weg nicht laufen mussten. Hehe. Bis zum Mittagessen waren noch 10 Minuten Zeit, die wir erst mit rumstehen, dann kurzfristig mit rumlaufen überbrückten. 13 Uhr - Essen ist fertig! Wir hatten ja keine Ahnung, was uns jetzt erwartete. Das hätte sich wohl keiner träumen lassen, als im Informations-Newsletter dieser Programmpunkt schüchtern mit "lunch" angekündigt wurde. Das, was da in dem liebevoll und detailverliebt dekorierten Gasthaus aufgetischt wurde, war ein wahres Festmahl! Um euch alle ein bisschen neidisch zu machen, gebe ich an dieser Stelle natürlich die genaue Menüfolge inklusive Bildern wieder.
Begonnen wurde mit warmen Brötchen. Dazu gab es gesalzene Butter und Schweineschmalz.
Auch die bereits auf dem Tisch bereitstehenden Gewürzgurken, die Rote Beete und der Krautsalat wurden schon mal getestet und für sehr gut befunden. Nächster Gang:
Erbsensuppe - ein Traum in herzhaft. Nun konnten wir die bis zum Rand gefüllten Kännchen mit Ahornsirup auch nicht länger ignorieren. Todesmutig wurde vorsichtig ein Klecks des süßen Saftes in die Suppe gegeben - eine Erleuchtung: "Das schmeckt ja richtig gut. Das hätte ich jetzt gar nicht gedacht.". Von nun an waren alle Hemmschwellen gefallen und auf jeden folgenden Gang wurde nun kräftig Ahornsirup gegossen. Zweiter Gang:
Meatpie. Da ich an dieser Stelle an den Film "Sweeny Todd" und das dort in den Fleischküchelchen verarbeiten Menschenfleisch denken musste, verschluckte ich mich erstmal kräftig und zog ungewollt und peinlich berührt die Aufmerksamkeit des Tisches auf mich, an dem zum Glück nur Bohne, Philip, Susann und ein anderes finnisches (glaube ich, auf jeden Fall aber skandinavisches) Mädchen saßen. Der Meatpie wurde dann von mir auch als nicht ganz so toll empfunden. Er war a weng lasch, da konnte auch der hinzugefügte Ahornsirup nicht mehr viel rausreißen. Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht, denn schon kam der nächste Gang:
Linsenirgendwas (nicht wirklich Suppe, da fester als diese, aber auch nicht wirklich Püree, da nicht püriert - irgendwas dazwischen eben...) und Bratkartoffeln. Hm... fantastisch. So langsam wurde uns auch klar, das wir die Schälchen wohl nicht ganz leer essen können, denn es stellte sich schon ein "leichtes" Sättigungsgefühl ein. Die Serviererinnen ließen sich davon nicht beeindrucken und tischten sogleich den nächsten Gang auf:
eine warme Platte mit Rührei, Schinken und einem meiner Meinung nach undefinierbaren Etwas. Die Anderen waren sich relativ schnell einig: bei dem harten und stark salzigen Etwas muss es sich um getrockneten Tintenfisch handeln - meine Abneigung gegen Meeresfrüchte dürfte ja schon bekannt sein, deswegen wagte ich nicht noch einen, wenn auch mit Ahornsirup verfeinerten, Bissen. So, alle waren jetzt schon merklich an die Belastbarkeitsgrenze ihres Magens angelangt, aber die cuisine quebecoise kennt kein Erbarmen. Und, wie ja schließlich jeder weiß: das Dessert-Fach war immer noch frei. Nächster Gang also der Nachtisch. An dieser Stelle lasse ich mal das die Bilder für sich sprechen.
Allgemeine Erleichterung stellte sich ein: ein Ende war in Sicht. Nicht, dass das Essen schlecht war. Man konnte nur, selbst wenn der Magen "Genug!" schrie, nicht mit dem Essen aufhören. Es war einfach zu lecker.
Wenn es nach mir und auch nach den anderen Deutschen gegangen wäre, hätten wir an dieser Stelle ruhig wieder nach Hause fahren können, aber bis zur Abfahrt hatten wir noch 2 Stunden Zeit. Also haben wir wieder etwas die ziemlich unspektakuläre Gegend erkundet, Susann und Philip haben sich eine vielleicht gerade einmal 8-minütige Kutschfahrt (einmal in den Wald rein und dann ganz schnell wieder raus) gegönnt. Bohne und ich schossen lieber Fotos von Hasen und Hühnern, die vorsichtig an ihrem Eiswasser nippten.
Dann sind wir auch noch ein Stückchen in den Wald gegangen und haben da gesehen, wie die Ernte von statten geht.
Wenige Zentimeter über dem Boden ist an den Ahornbäumen eine Ablaufvorrichtung und ein Kübel angebracht, in dem dann die relativ unspektakuläre, aber in stetigem Tropfen rinnende, wasserähnliche, leicht gelbliche Flüssigkeit aufgefangen wird. Bohne hat sie probiert und für leicht süßlich befunden. Diese Flüssigkeit wird dann erhitzt, dickt ein, karamellisiert - und Ahornsirup entsteht. Diesen kann man dann im noch flüssigen Zustand auf Schnee geben, um einen Eisstil wickeln und lutschen. Wie gesagt, das zahnfreundlichkeits-Emblem kann man da wohl kaum verleihen, aber lecker ist es trotzdem.
Nachdem bei allen, insbesonders bei den Organisatoren des Ausfluges, der erwartete Zuckerschock einsetzte, gab es noch eine improvisierte Schneeballschlacht. Da der Bus aber schon zur Abfahrt bereit stand, gingen die Deutschen schon mal vor und ließen die anderen Kinder weiterspielen. Die hatten dann aber auch keine Lust mehr und so saßen bald darauf alle wieder auf ihren Plätzen im Bus. Nach drei, wohl vergeblichen, Zählversuchen fragte einer der Organisatoren nur noch „Is everybody here?“. Als alle Anwesenden mit einem schallenden „Yes!“ antworteten, fuhren wir wieder glücklich und saturiert nach Hause.
2 Kommentare:
Wie gemein mir eine solche Geschichte vor dem Frühstück aufzutischen...aber es freut mich, wenn es EUCH geschmeckt hat ;-) Beste Grüße sendet Janina.
Es lebe Cabane à sucre!!
Danke für die anschauliche Berichterstattung und das Hervorbringen von schönen und vor allem süßen Erinnerungen!
*schleck*
Werde gleich auch mal eine Runde Ahornsirup aufs Butterbrot gießen.
Liebe Grüße aus Erlangen nach Montreal von Julia
Kommentar veröffentlichen