Dienstag, 22. April 2008

Wenn aus Freude Aggression wird...

Ich bin geschockt, so wie ich es wohl noch nie in meinem Leben war. Das meine ich wirklich ernst. Heute, oder besser gestern war der 21. April 2008. Und Montreal war im Hockey-Fieber, denn die Montreal Canadiens hatten die letzte Chance durch einen Sieg gegen die Boston Bruins in die Semi-Finals der NHL aufzusteigen. Sie gewannen, 5:0. Die Deutschen, Philips Mum, die hier gerade zu Besuch ist und Cathy haben natuerlich vor dem Fernseher mitgefiebert, und sich irre gefreut, als "wir" gewonnen haben. Gleich nach dem Spiel stroemten alle auf die Strasse, Ste. Catherine vorallem. Binnen Minuten war die Innenstadt voller feiernder Menschen. Es herrschte eine ausgelassene, positive Stimmung. "Go Habs, Go!" schallten die Rufe von allen Seiten, die Menschen setzten sich in ihre mit Habs Faehnchen dekorierten Autos und fuhren die Ste. Catherine im Stadtkern runter. Wir waren mittendrin, freuten uns und fuehlten uns sehr an die Fussball-Weltmeisterschaft und das ausgelassene Feiern nach einem deutschen Sieg erinnert. Als wir an die Strassenkreuzung Peel/Ste. Catherine kamen, sahen wir auf einmal, dass die Polizei in voller Montur (schwarze Kleidung, Schussichere Westen, Schlagstoecke und Schutzschilder) begann, die Strasse aubzusperren. Noch war alles friedlich, und es wurden sogar Fotos von jubelnden Fans vor den grimmig schauenden Polizisten geschossen. Fernsehkameras waren auch dabei, um die Stimmung fuer den naechsten Newscast einzufangen. Wir blieben eine Weile an der Polizistenkette stehen, um die Atmosphaere aufzusaugen. Dann wollten wir eigentlich wieder zurueckgehen, als ploetzlich die Leute, die uns entgegenkamen, anfingen zu rennen. Philip zerrte noch schnell Susann, Cathy und seine Mum
vom Strassenrand weg, da ploetzlich nicht mehr klar war, warum alle losrannten. Verwirrung.
Was war los? Ein paar Polizisten rannten auch, wir draengten uns an die Wand der Geschaefte und beobachteten erst einmal. Ziemlich schnell loeste sich das Ganze wieder auf, und wir beschlossen auf der Parallelstrasse zur Ste. Catherine in Richtung nach Hause zu laufen. Immer mehr Polizeiautos kamen uns entgegen. Wir wunderten uns, warum so viele davon unterwegs waren, und fanden es schade, da sie die gute Atmosphaere irgendwie in Anspannung umwandelten. Auf der Maisonneuve bot sich uns das gleiche Bild, nur weniger Menschen und mehr hupende Autos, alle feierten, lehnten sich aus ihren Autofenstern heraus, schwangen Fahnen, sangen. Wir beschlossen in einer nahegelegenen Bar noch ein (oder besser zwei) Bierchen zu trinken. Auf den Flatscreens konnte man sich noch einmal die besten Szenen des Spiels anschauen, waehrend auf Maisonneuve der Wahnsinn weiter ging. Wir hatten einen schoenen Fensterplatz und konnten so alles mitverfolgen. Gegen 0:00 Uhr zahlten wir, Bohne und ich beschlossen uns wieder auf den Heimweg zu machen und uns morgen ein Habs T-Shirt zu kaufen, mit der Nummer und dem Namen des Goalies der Habs, Price, zu kaufen. Er hatte so viele Torchancen der Brunis vereitelt, das war einfach super. Welches Bild sich uns dann allerdings auf dem Heimweg bot, wird sich wohl fuer immer in mein Gedaechtnis eingebrannt haben. Zunaechst sahen wir zwei Polizei-Autos, deren Scheiben eingeschlagen und deren Reifen zerstochen waren. Glas lag auf der Strasse. Wir ueberquerten die Strasse und sahen Polizisten, die sich neben den Autos aufgereiht hatten. Wahrscheinlich, um weitere Vorfaelle dieser Art zu verhindern. Zwischen den beiden, nebeneinander geparkten Polizeiautos sahen wir noch einen weiteren, kleineren Polizeiwagen, der mittlerweile ausgebrannt war. Mit wurde mulmig. Ich habe soetwas noch nie gesehen, nicht mit eigenen Augen. Schaulustige reihten sich auf. Wir liefen weiter bis zur naechsten Strassenkreuzung, dort, wo Cathy wohnt. Aufeinmal: "Schau mal, dort vorne brennt was!". Ich habs erst gar nicht gesehen. Dann sah ich eine riesige Rauchschwarte-wahrscheinlich wieder ein Polizeiauto auf der Ste. Catherine, das brannte. Wir verabschiedeten uns, Susann, Phil und seine Mum beschlossen ein Taxi nach Hause zu nehmen. Bohne und ich beschlossen, nach Hause zu laufen, nachdem wir Cathy noch versuchten zu ueberzueugen, dass es vielleicht besser waere, heute Nacht bei uns zu uebernachten, weiter weg von dem Feuer. Weitere Polizeiautos naeherten sich, Cathy wollte bei sich schlafen und wir verabschiedeten uns schnell. Ploetzlich fingen wieder alle an zu rennen, uns entgegen. Wir rannten mit. Polizei-Helikopter flogen ueber uns hinweg und mich ergriff Panik. Feuerwehrautos bahnten sich ihren Weg durch die Menschenmassen. Wir sind gut zu Hause angekommen, da sich zum Glueck in unserer Richtung alles aufloeste. Aber warum bitte, muss denn alles so ausarten? Wir haben uns doch alle ueber den Sieg gefreut. Wer bitte, setzt Polizeiautos in Brand? Dass Freude so in Aggression umschlagen muss, das schockiert mich. Und es ist schade, dass die Stadt, in die ich mich so verliebt habe, auf die letzten 9 Tage hin, so ein haessliches Gesicht zeigt. Morgen wird das Ganze in den News zu sehen sein. Der erste Report von den Unruhen, der gerade bei CBC online ging, berichtet von insgesamt 4 brennenden Polizeiautos. Weiteres war noch nicht bekannt. Waehrend der Rauchgeruch noch in der Luft liegt, werde ich jetzt schlafen gehen. Schade, Montreal. Das hat euer grandioses Hockeyteam echt nicht verdient.

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